Nachwuchs… Was nun?

(diese Seite wurde in Zusammenarbeit mit einer Züchterin erstellt)

Auf einmal ist da ungeplanter Nachwuchs… Was nun?

Immer wieder kommt es zu überraschendem Nachwuchs mit dem niemand gerechnet hat. Sei es weil die Geschlechterbestimmung falsch war oder der richtige Zeitpunkt für die Kastration verpasst wurde, oder, oder, oder…
Das Sprichwort „die vermehren sich wie die Karnickel“ kommt nicht von ungefähr!
Die Geschlechtsreife erreichen Rammler mit ca. 12 Wochen, Häsinnen mit ca. 16 Wochen. So früh zeugen die meisten Kaninchen allerdings noch keinen Nachwuchs, bei Rammlern dauert es meist bis sie 4 Monate alt sind und bei Häsinnen bis sie 5-6 Monate alt sind. Wichtig: Ausnahmen bestätigen die Regel! Manche Rammler sind auch schon mit 10 Wochen geschlechtsreif und manche Häsinnen mit 16 Wochen.
Infos zur Kastration findet Ihr in der Rubrik: Wissenswertes – Kastration

Hier möchten wir ein paar Tips geben was zu tun ist wenn auf einmal ein Unfall-Wurf im Nest liegt:

Vorab ein paar Infos: Die Häsin hat zwar einen Zyklus in dem sie hitzig wird, der Eisprung wird aber durch das berammeln ausgelöst, daher ist ein erfolgreicher Deckakt fast zu jedem Zeitpunkt möglich. Hatte die Häsin Kontakt zu einem potenten Rammler ist also mit einer Trächtigkeit zu rechnen.
Der Deckakt dauert nur 20-30 Sekunden, ist er komplett vollzogen fällt der Rammler danach zur Seite ab.
Die Tragzeit der Häsin dauert ca. 31 Tage (ca. 2 Tage mehr oder weniger sind möglich).

Die Häsin kann ein paar Stunden nach der Geburt schon wieder gedeckt werden! Ein potenter Rammler sollte also zum Zeitpunkt der Geburt nicht mehr anwesend sein!
Ansonsten ist die Aufzucht in der harmonischen Gruppe kein Problem und der Einzelhaltung vorzuziehen. Natürlich sollte man immer ein Auge darauf haben um wenn nötig sofort einzuschreiten. Normalerweise wird das Nest von anderen Kaninchen ignoriert. Es besteht aber auch die Möglichkeit das eine andere Häsin Anspruch auf das Nest erhebt oder die Jungen sogar tötet, wenn sie selbst hitzig, trächtig, scheinträchtig oder Rudel-Chefin ist.
Es kann aber auch genau das Gegenteil eintreten, das eine andere trächtige Häsin ihr Nest direkt daneben baut und beide Häsinnen die Jungen zusammen aufziehen. Dies ist natürlich ideal und wunderschön.

In den meisten Fällen gilt: „Weniger ist mehr!“ Die Häsin kommt meist sehr gut alleine zurecht und benötigt keine Hilfe von uns 😉


Nestbau
: Die Häsin wird für die Jungen ein gemütliches Nest aus Stroh, Heu und ihrem eigenen Fell bauen. Dazu wird sie sich, wenn möglich, einen geschützten und dunklen Bereich suchen. Manche Häsinnen beginnen schon 2 Wochen vor der Geburt mit dem Nestbau, andere erst 2 Stunden davor.

Geburt: Die Geburt dauert meist um die 20 Minuten und verläuft im Regelfall ohne Komplikationen. Die Häsin bringt ein Junges nach dem anderen auf die Welt, putzt sie und frißt die Nachgeburt (um keine Fressfeinde anzulocken).
Die meisten Geburten finden Nachts, bzw. in frühen Morgenstunden statt.
Es kann natürlich auch bei Kaninchen immer mal zu Schwierigkeiten kommen: In diesem Fall wendet Euch bitte umgehend an einen kundigen Tierarzt!

Nach der Geburt liegt die Häsin erschöpft neben ihrem Nest

Nest: Die Häsin bringt ihr Jungen direkt im Nest zu Welt und diese verbleiben dort bis sie es selbstständig verlassen. Sie trägt ihre Jungen nicht und verlegt auch nicht selbstständig ihr Nest. Sie wird die Jungen mit einer dünnen Strohschicht zudecken, damit sie schön warm bleiben. Hat die Häsin das Nest nicht warm genug gebaut oder nicht genug ausgepolstert, kann man ein wenig nachhelfen indem man es mit weiterem Stroh von Außen dämmt und der Häsin etwas Fell auskämmt und es damit zusätzlich auspolstert. Wichtig ist es es eigenes Fell der Häsin ist damit sie das Nest als ihres wieder erkennt und sich weiterhin im die Jungen kümmert! Eventuell kann man eine dünne Styroporplatte (zur Dämmung) unter die Schale legt, vorausgesetzt das Nest in einer Klowanne oder ähnlichem.
Gerade junge und erfahrene Häsinnen brauchen manchmal noch etwas Hilfe und Unterstützung beim ersten Wurf.
Kleiner Tip: Den Bereich des Stalles, in dem das Nest ist, lässt man bei der Reinigung aus, bis die kleinen das Nest selbstständig verlassen und es nicht mehr benötigen.

Nestkontrolle: Auf jeden Fall sollte eine Nestkontrolle durchgeführt werden! Es kann vorkommen das ein Junges tot zur Welt kommt oder innerhalb der ersten Stunden verstirbt. Tote Tiere müssen natürlich aus dem Nest entfernt werden.
Die erste Nestkontrolle sollte bereits ein paar Stunden nach der Geburt, bzw. innerhalb des ersten Tages durchgeführt werden. Die Nestkontrollen werden von nun an täglich wiederholt. In der kalten Jahreszeit, im Außengehege empfiehlt es sich häufiger am Tag mal einen kurzen Blick auf Nest zu werfen, ohne es anzufassen. Es kann passieren das die Kleinen beim säugen an den Zitzen hängen bleiben wenn die Mutter das Nest verlässt. Dabei werden sie dann ungewollt aus dem Nest geholt. Da die Häsin ihre Jungen nicht trägt, haben sie außerhalb des Nestes, in der Kälte, kaum eine Überlebenschance.
Vor der Nestkontrolle sollte man die Hände mit warmen, klaren Wasser waschen (keine Seife verwenden!!!)
Danach am besten die Mutter ausgiebig streicheln oder die Hände mit (benutztem) Stroh aus dem Stall abreiben. Hat man ein gutes Verhältnis zur Mutter ist es kein Problem wenn man den eigenen Geruch am Körper trägt; ist die Mutter eher scheu sollte man in jedem Fall besser nach Stall riechen als nach Mensch.
Bitte auf keinen Fall Handschuhe tragen! Diesen Geruch kennt die Häsin gar nicht und wird ihre Jungen dann aufgrund eines falschen Geruches evtl. sogar ignorieren.
Die Nestkontrolle sollte so durchgeführt werden das die Jungen, wenn möglich, nicht aus dem Nest genommen werden!
Die Kaninchen haben noch zu wenig Fell und kühlen zu schnell aus wenn man sie aus dem Nest nimmt. Um sich wieder aufzuwärmen verbrauchen sie sehr viel Energie.
Findet man ein Junges das aus dem Nest gefallen ist sollte man es erst wieder aufwärmen bevor man es wieder ins Nest legt. Zum Beispiel mit einem Körnerkissen oder mit einem Fön. Aber VORSICHTIG! Wir wollen das Kleine ja nur aufwärmen und nicht garen. Manchmal ist ein Junges vor Kälte schon ganz steif, erwacht aber beim Aufwärmen wieder zum Leben. Also nicht zu schnell aufgeben und alles versuchen, falls es mal passiert!

Säugen: Die Häsin säugt ihre Jungen nur 1-2 mal am Tag. Die meiste Zeit des Tages kümmert sie sich nicht um ihre Jungen und ignoriert das Nest. Das ist kein Grund sich Sorgen zu machen, sonder völlig natürlich. Die Häsin versucht auf diese Art keine Feine anzulocken. Nur selten wird man beobachten können das die Häsin im Nest ist. Das Säugen dauert nur ca. 10 Minuten und jedes Junge trinkt an einer eigenen Zitze. Danach deckt die Häsin des Nest wieder ab oder verschließt den Eingang mit Stroh.
Ab dem zweiten Tag ist es wichtig bei der Nestkontrolle zu schauen ob die kleinen pralle Bäuchlein haben. Die Bäuche der Jungen sollten gut gefüllt und nicht faltig sein. Hat man das Gefühl die Jungen bekommen zu wenig Milch sollte man zu einem späteren Zeitpunkt oder am nächsten Tag nochmal kontrollieren bevor man überstürzt eingreift. Es kann mal sein das ein einzelnes Junges zu wenig Milch abbekommen hat, dies aber am nächsten Tag wieder ausgleicht.
Man kann auch vorsichtig versuchen das Baby bei der Mutter anzulegen. Am einfachsten ist das wenn man es zu zweit macht. Einer nimmt die Häsin auf den Schoß und dreht sie vorsichtig auf den Rücken, danach legt ein anderer das Baby an eine Zitze und lässt es trinken. Das ist nicht ganz einfach aber mit ein wenig Ruhe und Vertrauen möglich.

Handaufzucht: Werden die Babys nicht ernährt ist Zufüttern die absolute Notlösung, die wenn irgend möglich vermieden werden sollte! Es ist unheimlich schwierig Kaninchen-Babys von Hand aufzuziehen! Eine andere Lösung ist immer vorzuziehen soweit möglich: entweder die Jungen bei der Mutter anlegen oder eine Ammenhäsin suchen und die Jungen einer anderen Häsin unterlegen, die auch gerade Junge hat. Meist klappt das ziemlich gut! Ist das alles nicht möglich und es bleibt nur die Aufzucht mit der Flasche sollten die Kleinen alle paar Stunden gefüttert werden. Gekaufte Aufzuchtmilch ist nicht so nahrhaft wie die Milch der Häsin. Es gibt im Handel keine Kaninchen-Aufzucht-Milch zu kaufen, daher kann man auf Katzen-Aufzuchtmilch (nicht zu verwechseln mit Katzenmilch!) oder Ziegenmilchpulver ausweichen. Die Milch wird angerührt mit ein wenig leicht aufgebrühten (ungezuckerten) Fencheltee und einem Tropfe SabSimplex (aus der Apotheke), um Blähungen zu vermeiden, und handwarm gefüttert. Das Füttern kann aus einer Spritze erfolgen (sehr vorsichtig! damit die Kleinen sich nicht verschlucken) oder besser mit einem Katzen-Aufzucht-Fläschen. Danach reibt und massiert man ganz leicht den Bauch das Babys um die Verdauung anzuregen. Die Häsin würde es nach dem Säugen sauber lecken, diese Aufgabe muss nun der Mensch übernehmen.Von Hand aufgezogene Junge schaffen es leider oftmals nicht oder entwickeln sich dann deutlich langsamer oder mit struppigerem Fell. Trotzdem hat man eine Chance sie gesund aufzuziehen und sollte diese ergreifen, wenn es nötig ist.
Bevor man mit der Handaufzucht beginnt sollte man einen kaninchenerfahrenen Tierarzt, eine Handaufzuchtstation oder einen erfahrenen Züchter kontaktieren und sich Rat holen!

Ernährung: Während der Säugezeit sollte die Häsin immer genug Futter zur Verfügung haben, da da Säugen sehr anstrengend ist und viel Energie verbraucht. Während dieser Zeit darf die Häsin, neben dem Frischfutter auch mal eine extra Portion gesundes Trockenfutter bekommen.
Besonders wichtig ist natürlich das Frischfutter mit viel milchbildendem Fenchel, Dill, und Wurzelgemüse.
Verzichtet werden sollte in dieser Zeit auf Petersilie, da diese milchhemmend wirkt.

Die Jungen fangen mit ca. 3 Wochen langsam an feste Nahrung zu sich zu nehmen und alles anzuknabbern. Sie sind zu diesem Zeitpunkt aber noch auf die wichtige Muttermilch angewiesen um gesund und stark zu werden.
Den Babys kann man jetzt anfangen Dill, Möhrengrün, Löwenzahn und Gräser anzubieten. Auf schwerer verdauliche Gemüse, wie Kohl und Wurzelgemüse sollte noch verzichtet werden.

Jetzt möchten wir Euch noch ein paar Fotos zeigen zu den jeweiligen Entwicklungsstadien:

 

1. Tag: so sehen sie wenige Stunden nach der Geburt aus – nackt, blind und hilflos

 

Tag 2: es lassen sich Farben erahnen

 

Tag 3: der erste Flaum bildet sich

 

Tag 4: langsam bekommen die Jungen Fell und werden immer kräftiger

 

Tag 5: Die Jungen haben schon ein dünnes, seidiges Fell und sind wohlgenährt

 

Tag 10: langsam öffnen sie die Augen

 

Tag 13: die Kleinen haben flauschiges Fell und geöffnete Augen – sind aber nach wie vor im Nest

 

Tag 17: die ersten vorsichtigen Schritte in die Umgebung

 

Tag 20: das Nest wird für kurze Ausflüge verlassen und es werden vorsichtig die ersten Halme geknabbert

 

Tag 21: heute trauen sich schon alle ein wenig am frischen Möhrengrün zu kabbern

 

Tag 27: und dann sitzen sie auf einmal mitten im Gehege und futtern mit den Großen 🙂

 

Mit 6 Wochen knabbern die Kleinen auch schon fleissig an Möhrchen 🙂

 

Ich wünsche Euch viel Freude bei der Aufzucht der kleinen Kaninchen 🙂