Notfellchen

Noch immer leben viele Kaninchen nicht artgerecht! Umso schöner ist es wenn man diese traumatisierten Kaninchen begleiten darf in ein neues Leben. Auch wenn das nicht immer einfach ist…
Hier möchten wir ein wenig über unsere Notfellchen erzählen:

 

 

Lady Biskuit

Ihr bisheriges Leben (2-3 Jahre) lebte sie in einer Bucht und hat Babys bekommen. Ihr Körper war irgendwann so geschwächt das sie schlimm an Kokzidien und Hefen erkrankte und daher geschlachtet werden sollte! Ihr letzter Wurf sollte Schlangenfutter werden. Eine Behandlung war dem Züchter wohl zu teuer oder zu aufwändig.
Zum Glück wurde sie in letzter Sekunde gerettet und durfte mit ihren Babys in eine Pflegestelle, wo sie medizinisch versorgt wurde. Nachdem ihre Jungen alt genug waren für ein endgültiges Zuhause, durfte Bisquit bei uns einziehen.
Ich muss ehrlich zugeben das ich noch nie ein so zutrauliches und herzliches Kaninchen erlebt habe wie sie.
Bereits am zweiten Tag hatte sie so viel Vertrauen zu mir das sie jedesmal wenn ich das Zimmer betrat (in dem sie ihre Quarantänezeit verbracht hat) und mich zu ihr hockte, Freudenkreise um mich drehte. Sie umrundete mich meist 5-6 mal, hockte sich dann vor mich und ließ sich streicheln. Danach legte sie sich zu mir! Anfangs in einem halben Meter Abstand, am dritten Tag direkt neben mich, mit Körperkontakt. So viel Dankbarkeit, Wärme und Zuneigung hat mich einfach umgehauen! Ich zeige Euch hier mal ein paar Eindrücke ihrer ersten Tage bei uns:

ein Zeichen absoluten Vertrauens: sie legt sich vor mir auf den Rücken

 

kurz nachdem ich mich auf den Boden gelegt haben, kam sie zu mir uns legte sich neben mich

 

Hier habe ich noch ein tolles Video von den schönsten Momenten in den ersten Tagen bei uns:

 

Süss ist auch die erste Fütterung mit Wiese:

Ernährung während der Eingewöhnung:

Von der Pflegestelle weiss ich das Biskuit Probleme mit Frischfutter hat. Außerdem wurde sie ja vor kurzem erst gegen Kokzidien und Hefen behandelt. Das bedeutet das wir mit der Fütterung vorsichtig sein mussten.
Dazu kommt noch das sie ziemlich dünn war, durch die kräftezehrende Säugezeit.
Die ersten Tage hat sie gefuttert wie ein Scheunendrescher! Da ich aber mit Frischfutter vorsichtig sein musste, habe ich ihr keine großen Mengen gegeben, sondern mehrmals täglich kleinere Portionen Möhrengrün, Petersilie, Dill und Wiese mit viel Spitzwegerich und Löwenzahn. Sie hat jedesmal nur eine Sorte bekommen, damit ich direkt sehen konnte falls sie etwas nicht verträgt. Zum Glück hat sie alles gut vertragen und hat keinen Durchfall bekommen, somit konnte ich die Frischfutter Portionen langsam steigern. Ein Dilemma war das sie auf der einen Seite zunehmen sollte, ich ihr aber auf der anderen Seite kein Grünfutter in rauen Mengen zur Verfügung stellen konnte. Also hat sie dazu viel gutes Kräuterheu bekommen und eine doppelte Portion Wiesenknopf Trockenfutter, welches ich immer mit verschiedenen Kräutern mische (siehe auch Wissenswertes/Ernährung)
Außerdem hat sie eine Mischung aus Saaten (Großsittichfutter) und feinen Haferflocken bekommen. Echte Dickmacher, aber während und kurz nach der Stillzeit absolut ok um den Kalorienhaushalt wieder auf Kurs zu bekommen.
Nachdem sie sich die ersten Tage wie eine Verhungernde auf alles Essbares gestürzt hat, hat sich ihr Futterverhalten nach 4 Tagen deutlich verbessert. Sie fing an normal zu fressen und nicht zu schlingen… Außerdem konnte ich nach den ersten 4 Tagen nicht mehr jeden Knochen einzeln spüren. Nachdem sie alles Grüne gut vertragen hat, habe ich langsam auch mit kleinen Mengen Kohl (Kohlrabiblätter, Wirsing, …) gestartet. Bis zur VG sollte sie ja alle Gemüsesorten, die ich normalerweise füttere, kennen und vertragen.

 

Unterkunft während der Quarantänezeit

Für die Quarantänezeit habe ich einen handelsüblichen Kleintierkäfig, der während der kurzen Zeit im Zimmer meiner Tochter steht. Der Käfig ist natürlich die ganze Zeit offen und davor liegt eine Decke, damit das Kaninchen es sich gemütlich machen kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, das die Kaninchen viel lieber vor dem Käfig liegen, als darin. Perfekt ausgerüstet für Innenhaltung bin ich leider nicht, aber für 1-2 Wochen kann man auch mal improvisieren 😉

 

Gesundheitliche Maßnahmen vor der Zusammenführung mit der Gruppe

  • 1-2 Wochen Quarantänezeit (je nach Gesundheitszustand)
  • allgemeine Tierärztliche Untersuchung, inkl. Zahnkontrolle
  • ggf. Krallen schneiden
  • Kotprobe abgeben und untersuchen lassen (eventuelle Maßnahmen wie Wurmkur, ect. durchführen)
  • Impfstatus anhand des Impfausweises (oder Züchternachweis) prüfen, ggf. gegen RHD1 & 2 sowie Myxomathose impfen

To be continued….

 

 

Jelly Bean

Ich habe lange überlegt ob ich die Geschichte von Jelly Bean erzählen soll… denn sie hat kein Happy End.
Aber ich finde Jelly Bean hat verdient das ihre Geschichte erzählt wird.
Und für alle die ein Notfellchen aus schlechter Haltung aufnehmen ist es auch wichtig zu wissen, das es leider nicht immer ein Happy End gibt.

Jelly Bean wurde als junges Kaninchen gefunden… das hätte eigentlich ihr Glück sein sollen. Leider landete sie ganz alleine in einem Käfig (80cm x 40cm). Ihr Auslauf bestand die folgenden 4 Jahre darin von einem Kind rumgetragen zu werden. Aber die meiste Zeit verbrachte sie in ihrem Käfig. Gefüttert wurde Trockenfutter, altes Brot und wenig Salat.
Wenn sie aus dem Käfig genommen wurde zappelte und knurrte sie, bis sie dann irgendwann still hielt…
Ihr Leben erschien mir so traurig und trist das ich mich entschloss ihr ein besseres Kaninchen-Leben anzubieten. Ihre Besitzerin ließ sich darauf ein sie zu mir zu bringen, da das Kind inzwischen eh das Interesse an ihr verloren hatte.
Sie kam erstmal in meinen Quarantäne-Käfig. Sobald ich sie anfassen wollte fing sie an zu knurren und geriet in Panik. Außerdem hat sie sofort Durchfall und Blähungen bekommen wenn man sie hochnehmen musste, z.B. um Medikamente zu verabreichen. Ich habe sie die ersten Tage erstmal gegen Würmer und Kokzidien gekurt und ihre Krallen geschnitten, die unheimlich lang und gebogen waren.

vorher…
nachher…

Somit konnte sie erstmal wieder richtig laufen und sich putzen.

Nach wenigen Tagen durfte ich sie streicheln 🙂

Als nächstes stand der Tierarztbesuch auf dem Plan zur allgemeinen Untersuchung und Impfung. Sie bekam eine Impfung mit Filavac, damit sie gegen RHD1 & RHD2 geschützt ist. Außerdem habe ich eine Kotprobe mitgenommen um diese untersuchen zu lassen. Auffällig war das sie winzig kleine Köttel gemacht hat (wie von einem Jungtier), lt. Vorbesitzerin war das schon immer so.

Die Diagnose der Tierärztin war folgende:

  • leichtes Übergewicht
  • eine chronische Darmveränderung durch jahrelange falsche Ernährung (daher die kleinen Köttel)
  • zu lange Zähne, aber noch nicht behandlungsbedürftig – o-Ton TA: solange sie frisst  „never change a running system“
  • Knoten am Darm – sollte weiter beobachtet werden
  • Abstrich vom Kot ergab leichte Hefen – aber auch keine Behandlung nötig. Das würd sich selbst Regulierung durch richtige Ernährung
  • ansonsten in Ordnung und VG-tauglich, wenn die Kotprobe ok sein würde (was sie war)

In der Zwischenzeit habe ich sie langsam an verschiedenes Grünfutter und Wiese gewöhnt. Sie hat nicht alles angenommen, weil sie so vieles nicht kannte. Aber sie mochte Wiese, Löwenzahn, verschiedene Salate…

Nachdem ich das OK vom Tierarzt hatte folgte die geplante VG mit der Gruppe. Bisher hatte sie ja noch nie Kontakt zu Artgenossen. Ich wusste nicht wie sie reagieren würde wenn sie auf andere Kaninchen trifft. Ich habe sie mit der Käfigschale, an die sie sich inzwischen gewöhnt hatte zur Gruppe gebracht. Sie verbrachte die erste Zeit dort bis sie sich traute den Garten etwas zu erkunden. Die Gruppe war ausgesprochen freundlich zu ihr und hat sie weitestgehend ignoriert. Manchmal hat sich vorsichtig ein Kaninchen in gebührendem Abstand neben sie gesetzt, aber sie wurde nicht wirklich gejagt (da war ich andere VGs gewöhnt).

Macchiato ganz lieb neben ihr

Macchiato hat sich häufig in gebührendem Abstand neben sie gesetzt. Er hat sie bedrängt sondern ihr ihre Zeit gelassen… Ein Verhalten das ich bis dato nicht kannte von Kaninchen.
Auch die anderen Kaninchen-Clan Mitglieder waren erstaunlich freundlich zu ihr und haben sie weder bedrängt noch gejagt.

Jelly Bean und Karamell

Bei ihrem ersten richtigen Kontakt mit einem Kaninchen (hier Karamell) war sie stocksteif vor Angst, während Karamell (selbst erst 3 Monate alt) in aller Seelenruhe neben ihr gefuttert hat. Also habe ich sie die erste Zeit noch separat gefüttert, was sie dankbar angenommen hat.
Nach kurzer Zeit hatte sie sich ihren Lieblingsplatz ganz oben auf dem Hügel gesichert und wurde immer entspannter. Sie tolerierte sogar Gesellschaft in weniger als 1 Meter Abstand und fraß auch wenn noch ein Kaninchen anwesend war.

Kurze Zeit später und noch keine Woche nach der VG mit der Gruppe baute sie ganz plötzlich ab. Nachmittags hat sie noch gefressen und war guter Dinge, abends wollte sie nicht mehr fressen, war apathisch und bewegte sich nicht mehr. Als ich sie hochgenommen habe, um sie ins Haus zu bringen rührte sie sich nicht und ließ alles mit sich machen. Ich verabreichte ihr Notfallmedikament (SabSimplex, RodiCare Akut und Metacam). Dann brachte ich sie ins Zimmer auf ihre Decke, wo sie auch die Quarantäne-Zeit verbracht hat und verdunkelte das Zimmer um Stress zu vermeiden. Zudem legte ich ein leichtes Wärmekissen unter den Bauch, da sie sehr kalt war. Sie robbte sich mit letzter Kraft in ihr Häuschen, wobei sie nur ihre Hinterbeine benutze. Die Vorderbeine bewegte sie gar nicht mehr. Ich ging von Stress-Symptomen aus und wollte die nächsten Stunden jeden Stress für sie vermeiden. Wozu leider auch die Anwesenheit von Menschen gehörte.
Leider waren alle meine Bemühungen zu spät… wenige Stunden später war sie tot.

Ich habe mir furchtbare Vorwürfe gemacht und habe alle meine Schritte mindestens 100 mal durchdacht… ich konnte keinen Fehler finden. Inzwischen weiss ich von mehreren Geschichten die ähnlich verlaufen sind. Sobald sich die Lebenssituation eines Tieres, das jahrelang gelitten hat, verbessert kann es in einigen Fällen passieren das das Tierchen einfach aufgibt. Als würde die ganze Anspannung von Jahren losgelassen und der Körper schläft einfach ein.
Möglicherweise hätte sie in ihrem Käfig noch einige Zeit überlebt… aber es wäre nur ein Überleben, kein Leben gewesen.

Ihre Geschichte ist sehr traurig und ich hätte mir so sehr gewünscht das sie mit den anderen Kaninchen glücklich und zufrieden durch den Garten gehoppelt wäre. Leider sollte es für sie nicht so sein…

sie hatte noch wenige Tage in Freiheit